Wahlwerbung – 1. Teil


Liebe Leunaer,

in den letzten Tagen haben Sie Wahlwerbung erhalten. Alle wollen erhalten, anpacken, verändern… alles für die Einwohner, die Bürger, alles für Leuna, alles für… (Lassen wir lieber.) Sie versprechen wahre Wunder, sind kritisch, sachlich, erfahren, vernünftig oder kompetent – behaupten zumindest, es zu sein.

So ein Wahlprogramm aufzustellen, zu formulieren, den richtigen Ton zutreffen, möglichst viele „mitzunehmen“, ist schwierig. Die Parteien, Gruppen, Einzelkandidaten waren kreativ. Vielleicht mit professioneller Hilfe, wahrscheinlich ohne große Werbeagentur. Nicht jeder erkennt schließlich die hypermodern verpackte Werbebotschaft einer kleinen Ampelpartei in WACHSTUN, sondern sieht nur den Rechtschreibfehler.

Jede Partei hat ihren Slogan, einen Namen für ihr Programm, eine plakative Überschrift – ganz groß und prominent auf der Titelseite. Mitbestimmung wird bei den einen großgeschrieben, andere sind eine gute Wahl, wieder andere meinen, dass Gerechtigkeit nur mit ihnen gehe. Man hat sich Gedanken gemacht, die Botschaft gut zu verpacken.

Es geht auch anders. Einfach, plump und ziemlich direkt – Wählen Sie uns! Klare Botschaft! Da weiß man, was man hat! Guten Abend!

Natürlich ist das eigene Programm das beste Programm. Viel interessanter ist es, die Wahlprogramme von vor 5 Jahren mit den aktuellen zu vergleichen. Was hat man damals gefordert, was hat man umgesetzt, welches Ziel erreicht und welches nicht.

Im zweiten Schritt sollte man fragen, warum wurde das Ziel nicht erreicht. Diese Frage müssen sich insbesondere diejenigen stellen, die im Stadtrat die Mehrheit hatten, die die Planung des Stadthaushaltes maßgeblich beeinflussen konnten, quasi bestimmen durften, was und wie gespielt wird.

Wenn die Versprechungen von damals nicht gehalten wurden, ich weiß… Corona Putins Energiekrise. 

Von hohlen unverständlichen Phrasen auf dem Wahlflyer halte ich gar nichts.

Was soll bitte die „Weiterentwicklung der Infrastruktur zur Förderung unseres Stadtbildes sein“? Infrastruktur, das sind hauptsächlich Wasser-, Strom- und Fernwärmeleitungen, Telefon und Internet, Straßen, Fuß- und Radwege. Bis auf die letztgenannten sieht man davon nichts. Die Infrastruktur liegt, wie der Name infra– sagt (lateinisch für unterhalb), unter der Oberfläche, also unsichtbar in der Erde. Zumindest größtenteils.

Schaltschränke, Kabelboxen, Übergabestationen tragen eher nicht zur Förderung des Stadtbildes bei. Es sei denn… man hätte, ja wenn man nur gewollt hätte… z.B. das ehemalige Trafohaus in der Carl-von-Linde-Straße saniert, repariert, umgebaut oder einer neuen Nutzung zugeführt – es gibt keine öffentliche Toilette am Plastik-Park. Wie wäre es damit? Das Häuschen verfällt, Außenwände und Umgebung übernehmen derweil die Aufgabe einer Bedürfnisanstalt.

In der DDR vergammelte die Infrastruktur, sagt man. Und 35 Jahre nach der Wende?

Unser Trink- und Abwassernetz ist zu großen Teilen immer noch unsaniert, 80 oder gar mehr als 100 Jahre alt. Deutsche Wertarbeit – aus Kaisers Zeiten.

Schlechte Straßen gibt’s reichlich, kaputte Fußwege auch. Man hätte viel mehr machen müssen, man hätte viel mehr machen können, man hätte es auch gekonnt. Offensichtlich wollte man nicht. Was man getan hat, war nachträglich und mit großem bürokratischen Aufwand Straßenausbaubeiträge einzuziehen, obwohl keine gesetzliche Pflicht dazu bestand.

Das Radwegenetz soll ausgebaut werden. Schön! Warum wurde es bisher nicht getan? Leunas Radwege (Kernstadt) sind die Teile der Straße rechts neben dem weißen Streifen. Die Striche werden regelmäßig nachgezogen und neue Fahrrad-Symbole aufgemalt, hoffentlich gendergerechte Symbole.

Anstatt Radwege zu bauen, wurde nur vom Kanalradweg geredet (von Leipzig nach Leuna). Man träumt bereits von tausenden erholungssuchenden Großstädtern, die zu uns radeln, um hier… Ja, was wollen sie eigentlich hier? Und warum sollte der Leunaer mit dem Fahrrad nach Leipzig fahren? Zum Shopping? In die Oper?

Einen beispielsweise sinnvollen Radweg zwischen Witzschersdorf und Rodden entlang der L185 bekam man nicht auf die Reihe. Nicht zuständig! Dabei wäre gerade hier ein Radweg wichtig und sinnvoll. Die Straße ist regelmäßige Umleitungsstrecke bei Sperrungen von B181 oder A9. Aktiv wird man wohl erst, wenn es einen schweren Radunfall gegeben hat.

Wie gesagt, man ist nicht zuständig. Es ist eine Landesstraße. Für den Radweg am Kanal sind wir zuständig. Oder? Es handelt sich um den Betriebsweg der Kanalbehörde (Kontrolle, Wartung und Reparatur) Natürlich sind wir dafür zuständig, es ist schließlich ein Prestigeprojekt der mittlerweile pensionierten Bürgermeisterin.

Es fehlen noch weitere sinnvolle – und zumeist nur sehr kurze – Radwege zwischen den Ortschaften. Nur keine der regierenden Parteien hat sie in die Haushaltsplanung eingebracht, sich für hierfür engagiert. Immer nur Kanalradweg.

Fahren Sie mal mit dem Rad von Leuna nach Spergau, immer schön an der Werksmauer entlang. Und, machen Sie das einmal, wenn’s regnet oder in den Stunden nach einem Regenguss. Der Effekt ist derselbe. Mutiger Radfahrer, nasser Radfahrer. Natürlich ist man nicht zuständig.

Ich frage mich, wer seit Jahren das Land regiert. Land, Kreis, Stadt – Landstraßen, Kreisstraßen, Gemeindestraßen. Ist das nicht überall die Sachsen-Anhalt-Partei? Schon, nur eben nie zuständig.

Radwegeausbau klingt gut. Am besten gleich Radwegenetze. Das spricht den Bürger an. Ein guter Grund die Partei zu wählen. Ein schönes Wahlversprechen! Ein Radweg wäre mir lieber, wenigstens ein einziger.

Udo Bilkenroth

PS: Wozu nach der Wahl eigentlich den versprochenen Radweg bauen? Wenn der Radweg fertig ist, fehlt der Punkt auf dem nächsten Wahlprogramm. Also besser nicht bauen. So wurde es die letzten Jahre gemacht. So sammelt man Stimmen.

PPS: Zumindest dient das Trafohaus als Einnahmequelle für die Stadtkasse. Als Werbefläche. Oder?


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