Moderne Schildbürger bauen kein Rathaus

Erinnern Sie sich noch an die ursprüngliche Geschichte? Das Kinderbuch von Erich Kästner mit den schönen Illustrationen kenne ich noch aus meiner Kindheit. Die dortige Erzählung ist sehr gut, aber vielleicht etwas zu lang für die Einleitung. Im Netz gibt es eine griffige Version (hier etwas gekürzt):

Die Schildbürger wollten ein neues Rathaus bauen, weil das alte Rathaus baufällig war. Sie begannen mit großem Eifer die Arbeit. Die Schildbürger wollten ein besonderes Rathaus haben…
… endlich war das Rathaus fertig.
Nun wollten die Schildbürger ihr neues Rathaus mit dem Bürgermeister und den Ratsherren einweihen. Sie traten ein. Drinnen war es so dunkel, dass sie einander nicht sehen konnten. Sie bekamen einen großen Schreck und überlegten, warum es im Rathaus so dunkel ist. Sie gingen nach draußen. Alle Mauern waren fest und gerade, das Dach war gut gedeckt und überall draußen war es hell. Sie überlegten, was sie machen sollen. Die meisten Schildbürger wollten das Rathaus abreißen und ein neues bauen.
Aber ein Ratsherr machte einen anderen Vorschlag: „Wir wollen das Licht in Säcken in unser Rathaus hineintragen. Helft alle fleißig mit, holt Säcke, lasst die Sonne hineinschauen und tragt das Licht ins Rathaus!“ Das gefiel den Schildbürgern gut. Alle eilten nach Hause, um Säcke oder andere Gefäße zu holen.
Zur Mittagszeit, als die Sonne am stärksten schien, waren alle wieder da. Nun schaufelte der eine das Licht in einen Sack, ein anderer stapelte es mit einer Strohgabel in einen Korb. Jeder sammelte den ganzen Tag lang Licht und schüttete es im Rathaus aus. Aber es wurde nicht hell darin. Es blieb dunkel wie vorher.

So etwas passiert heute natürlich nicht mehr. Heute gibt es Vorschriften, Ingenieure, Verwaltungsfachleute, Aufsichtsbehörden … Oder?

Eine nicht ganz so fiktive Geschichte aus der Neuzeit:

Die Bürger wollten ein neues Rathaus (ähm Schwimmhalle) bauen, weil die alte baufällig war. Sie begannen mit großem Eifer die Arbeit. Die Bürger wollten eine besondere Schwimmhalle haben…
… noch immer ist die Schwimmhalle nicht fertig, obwohl die Bürgermeisterin und die Ratsherren und Ratsdamen sie schon längst einweihen wollten…
…einige Jahre später…
Sie traten ein. Drinnen war es ziemlich dunkel. Sie bekamen einen großen Schreck und überlegten, warum die Schwimmhalle immer noch nicht fertig und so dunkel ist und so viel Geld gekostet hat. Sie überlegten, was sie machen sollen. Aber ein Ratsherr (oder war es eine Dame?) machte den Vorschlag: „Wir wollen das Licht in Säcken in unsere …
Natürlich machte keiner diesen Vorschlag. Schildbürger gibt es schließlich nicht mehr.

Die Schildbürger kannten zwar schon erneuerbare Energien, schließlich schien die Sonne schon damals, nur war die Gewinnungsmethode („…nun schaufelte einer das Licht in einen Sack, ein anderer in einen Korb. Jeder sammelte den ganzen Tag lang Licht und schüttete es im Rathaus aus…“) nicht ganz ausgereift.

Heute macht man das anders. Heute ist man viel weiter. Heute nutzt man erneuerbare Energien. Heute setzt man auf Photovoltaik und Solarthermie.

Natürlich wird es in der Schwimmhalle hell und warm werden. Und natürlich werden dazu auch die erneuerbaren Energien beitragen. Und natürlich werden wir den Preis dafür zahlen müssen.

In unserer – trotz hervorragender Arbeitsleistungen aller am Bau Beteiligten, der zur Chefsache erklärten, leider immer noch nicht ganz fertiggestellten, vielleicht jedoch in diesem Jahr öffnen werdenden – Schwimmhalle wurde auf Solarthermie und Photovoltaik gesetzt, um fossile Energie zu sparen. Aber das kostet eben.

Wieviel? Nun ja… Die Antworten zu den schon mehrfach angefragten Kosten, lassen auf sich warten. Zäh wie Kaugummi sind Auskünfte. Dabei hat man sich schon gefeiert und bereits einen Preis fürs Stromsparen bekommen – allerdings vom Stromlieferanten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Fragen waren klar und einfach gestellt worden: Wieviel kosten die Maßnahmen zur Nutzung erneuerbarer Energien? Wie groß ist das Einsparpotential? Wann amortisieren sich die Anlagen?

Immer noch keine zufriedenstellende Antwort. Dabei gibt es doch eine Berechnung, die auf den offiziell mitgeteilten Zahlen beruht. (Quelle: Planungsbüro Plingel: „Abschätzung der Verbrauchswerte und Betriebskosten ohne Kapitaldienste“ vom 13.11.2014 vorgelegt im Schwimmhallenausschuss)
In der Zeile „Photovoltaik“ wird der zugehörige „Verbrauch“ wird mit -18.838 kWh pro Jahr angegeben. Das Minuszeichen weist aus, dass nicht mit einem Verbrauch, sondern mit einer Einspeisung von 18.838 kWh pro Jahr gerechnet wird.
Nun bezieht die Stadt Mittelspannung und nicht Niederspannung vom Energieversorger. Um an diesen Vorteil zu gelangen, wurde eigens eine neue Übergabestation errichtet. Der Strompreis ist hierdurch sehr günstig (0,055 Euro/kWh).
Die Solaranlage spart bei diesem Strompreis: 18.838 kWh/a x 0,055 Euro/kWh = 1036 Euro im Jahr.
Die Solarthermiebilanz geht von einer Einspeisung von 38 MWh pro Jahr aus. Der Fernwärmepreis liegt bei 83,65 Euro pro MWh. Die Einsparung beläuft sich auf: 38 MWh x 83,65 Euro/ MWh = 3.178 Euro im Jahr.

Das Einsparpotential liegt bei 1.036 + 3.178 = 4.214 Euro pro Jahr. Alle Achtung!

Allerdings wird die Investitionssumme für erneuerbare Energien im Haushalt mit 238.000 Euro angegeben.

Theoretisch könnte sich die Anlage in 56 Jahren amortisieren und ab dem 57. Betriebsjahr Gewinn machen (238.000 Euro / 4.214 Euro/Jahr = 56,5 Jahre).
Eine Solaranlage sollte bei entsprechender Wartung und Pflege auch 20 Jahre lang nutzbar sein. 20 Jahre? 56 Jahre?

Irgendwie entsteht der Eindruck, dass sich die Sache nicht rechnet. Vielleicht kommt irgendwann die erhellende Antwort aus dem Rathaus.
Ansonsten bleibt es – bezogen auf die bisherigen Erklärungen – wie bei den Schildbürgern: „…es wurde nicht hell. Es blieb dunkel wie vorher…“

1 thought on “Moderne Schildbürger bauen kein Rathaus

  1. Einwandfreie Beschreibung einer leider alltäglichen Handhabungen in Leuna.Wie kann DER Wahnsinn gestoppt werden?Sicher Aller frühestens wenn Frau Doktor zu Herr Doktor oder DER Schuhverkäufer Zum Personalamtsleiter wird.Doch sowas passiert zum Glück „nur“in Schildau!

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